Die vbw sieht das Drehkreuz München in Gefahr (Foto: Werner Hennies, FMG)

Vom Drehkreuz zum Provinzflughafen

Die vbw sieht das Drehkreuz München in Gefahr (Foto: Werner Hennies, FMG)

Studie der Wirtschaftsvereinigung arbeitet mit abenteuerlichen Szenarien

Die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) hat ein Gutachten vorgestellt, das sich mit den wirtschaftlichen Auswirkungen des Luftverkehrsdrehkreuzes München beschäftigt. Das einzige Ziel der Studie: Sie soll verdeutlichen, wie wichtig eine dritte Startbahn für den Wirtschaftsstandort Bayern ist. Dabei wird allerdings mit Zahlen hantiert, die – vorsichtig ausgedrückt – zweifelhaft sind.

Die Gutachter vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln gehen davon aus, dass durch den Bau einer dritten Startbahn eine zusätzliche Wertschöpfung in Bayern von 862 Millionen Euro geschaffen und 15300 neue Arbeitsplätze entstehen werden. Damit sind allerdings nicht nur Jobs direkt am Flughafen gemeint, sondern auch indirekte (z.B. bei Zulieferbetrieben) und induzierte Beschäftigungseffekte (durch das Geld, dass die Beschäftigten des Flughafens ausgeben). Abgesehen davon, dass vor allem induzierte Effekte schwer zu berechnen sind, gehen diese Kalkulationen auch davon aus, dass nach dem Bau der dritten Bahn das vom Flughafenbetreiber FMG erhoffte Passagierwachstum auf 58 Millionen einsetzt und zehn zusätzliche „hochrangige Interkontinentalziele“ von München aus angeflogen werden. Die Zahl von 58 Millionen Passagieren stammt aus der vielzitierten Prognose von Intraplan, die ja bekanntlich von der Realität widerlegt wurde. Das Passagieraufkommen am Flughafen München ist in den vergangenen Jahren zwar stetig gestiegen. Dagegen ist die Zahl der Starts- und Landungen, anders als von den Intraplan-Gutachtern vorhergesagt, kontinuierlich zurückgegangen. Die Prognostiker haben nicht einkalkuliert, dass die Airlines immer größeres Fluggerät einsetzen und auf eine bessere Auslastung achten. Zur Verdeutlichung: Heute sitzen in einer Maschine, die aus dem Erdinger Moos abhebt, im Durchschnitt 26 Passagiere mehr, als im Jahr 2008.

Befürworter der dritten Startbahn malen gerne das Schreckensbild an die Wand, dass Bayern ohne Flughafen-Ausbau seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und den Anschluss an Mitbewerber auf den globalen Märkten verlieren könnte. Das tut auch die Studie im Auftrag der vbw. Und sie nennt Zahlen: über eine Milliarde weniger Bruttowertschöpfung im Freistaat und Verlust von 17.000 Arbeitsplätzen. Für dieses „Worst-Case-Szenario“ gehen die Verfasser allerdings von einer geradezu abenteuerlichen Annahme aus. Nämlich, dass München seine Hub-Funktion als Drehkreuz verliert und für Passagiere genauso attraktiv ist wie die Flughäfen Stuttgart oder Salzburg. Eingepreist in dieses Szenario ist sogar ein „Rückbau des Terminals 2“.

Das würde bedeuten, dass MUC über Nacht zum Provinzflughafen schrumpft, wenn die dritte Piste nicht kommt. Zum Vergleich: Vom Flughafen Stuttgart sind 2014 9,7 Millionen Passagiere abgeflogen, bei 124.500 Flugbewegungen. In Salzburg waren es 1,8 Millionen Fluggäste bei 19.300 Flügen. In München wurden 39,7 Millionen Passagiere und 376.000 Starts- und Landungen gezählt.

Die Autoren vom Institut der deutschen Wirtschaft relativieren ihre Aussagen ein paar Seiten weiter. Sie sprechen von einem realistischeren Szenario, dass der Flughafen München auf die Größe von Düsseldorf oder Berlin-Tegel schrumpfen würde. In diesem Fall rechnen sie mit dem Verlust von 11.000 Arbeitsplätzen. In der Pressemitteilung von vbw-Präsident Alfred Gaffal wird aber natürlich die Zahl von 17.000 genannt.

Dieses Gutachten arbeitet mit unseriösen Annahmen, um zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen. Das kommt also dabei heraus, wenn ein Institut, das von der Wirtschaft finanziert wird, im Auftrag eines Wirtschaftsverbandes eine Expertise fertigt.

Das Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft finden Sie hier:  NEU_MUC_Gesamt_Oktober-2015_final_13.10.2015

 

Beitragsbild: Werner Hennies, FMG

 

2 thoughts on “Vom Drehkreuz zum Provinzflughafen

  1. Sehr geehrter Herr Zierer,
    mein Sohn, der sich z.Zt. in der Ausbildung zum Verkehrspiloten befindet und ich sind Befürworter der 3. Startbahn. Wir stimmen jedoch mit Ihnen völlig überein, dass nicht mit Hilfe von low-costs carriers die 3. Landebahn erzwungen werden darf. Low-cost airlines sollen nach Memmingen oder Augsburg verlegt werden. An einen Premium Flughafen gehören Premium Airlines und falls für diese dann wirklich eine 3. Startbahn benötigt werden sollte, dann muß diese auch kommen.
    Stellen Sie sich bitte nicht grundsätzlich gegen die 3. Startbahn, sondern setzen Sie sich dafür ein, dass die low-cost carriers auf die anderen Flughäfen „verbannt“ werden und diese damit auch eine gute Chance erhalten Gewinne zu machen.
    Vielleicht erledigt sich auf diese Weise die 3. Startbahn dann von selbst.
    MfG
    Döring

    • Sehr geehrter Herr Döring,
      genau aus diesem Grund haben wir zuletzt auch die Ansiedlung der Transavia, einer Tochter von Air France-KLM kritisiert, die 16 Verbindungen in München schaffen will. Mit einer Ausnahme (Porto) sind das allesamt Verbindungen, die bereits von der Lufthansa oder einer deren Tochtergesellschaften bedient werden, z.B. der Air Dolomiti. Die Lufthansa hat darauf reagiert und will entgegen der eigentlichen Strategie, München stärker mit der Eurowings bedienen. So wird München zum Schauplatz eines Wettstreits der Low-Cost-Airlines.
      Wir haben kürzlich im Landtag in einem Antrag ein gesamtbayerisches Flughafenkonzept gefordert, das Nürnberg und Memmingen stärken soll. Die Staatsregierung will sich ja auch in Memmingen als Gesellschafter engagieren. Das wäre eine Chance, die Nachfrage der Airlines zu steuern

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